LSBTIQ* im Sport (Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen sowie Queers)

Positionspapier der BAG Sportpolitik, beschlossen am 12.12.2020

Zu unserem Leitbild gehört „Sport ist inklusiv und Sport verbindet“. In Deutschland engagieren sich viele Millionen Menschen im Sport – in Vereinen, Organisationen oder ohne strukturelle Anbindung – für Fairness, Teamgeist, soziales Miteinander, für Toleranz, Respekt und in gegenseitiger Verantwortung.

Gemeinsamer Sport muss dabei immer auch eine integrative Wirkung entfalten. Hier sollen die Werte einer toleranten, offenen und solidarischen Gesellschaft vermittelt und gelebt werden und sich die Vielfalt unserer Gesellschaft spiegeln.

Insgesamt ist diese gesellschaftliche Vielfalt im Sport jedoch selten sichtbar und der Zugang und die Einbindung gerade für LSBTIQ* in Sportgruppen oder Vereine nicht überall möglich. Unser Ziel ist es, den Sport inklusiver und vielfältiger zu gestalten und Hürden abzubauen. Zu einem vielfältigen und inklusiven Sport gehört auch die Sichtbarkeit von LSBTIQ*-Personen, sei es als Sportler*in, Trainer*in oder Funktionär*in.

In der Realität outen sich LSBTIQ*-Personen jedoch überwiegend, wenn überhaupt, erst am Ende ihrer sportlichen Karriere und nicht während ihrer sportlich aktiven Zeit. Die Gründe hierfür sind sehr unterschiedlich und individuell. Angst vor Diskriminierung und Stigmatisierung oder auch Druck von Verbänden oder Sponsoren können Gründe sein, bzw. wurden von ehemaligen Aktiven immer wieder als Gründe genannt. Aktuelle Studien (bspw. die Befragung des LSVD und der Sporthochschule Köln (DSHS) belegen, dass bis zu 30% der queeren aktiven Sportler*innen die eigene sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität bei der Ausübung der sportlichen Aktivität verstecken bzw. diese nicht preisgeben möchten.

Die oft erfahrene Diskriminierung führt zu Rückzug und somit Unsichtbarkeit, wir brauchen jedoch Begegnung aller Geschlechter und Lebensformen zum Abbau der Vorurteile und zur Förderung von Akzeptanz.

Da viele Sportarten und Vereine häufig noch traditionell und von binärer Geschlechterzuordnung geprägt sind, leiden besonders queere Kinder und Jugendliche unter diesen Strukturen und dem heteronormativen Blick.

Laut einer aktuellen Studie (Krell & Oldemeier 2017) betreiben queere Kinder und Jugendliche deutlich weniger Sport und sind weniger in Vereinen organisiert als in ihrer Altersgruppe üblich. Die Belange von LSBTIQ*-Kindern und -Jugendlichen und deren Eltern müssen daher im Sport stärker berücksichtigt werden.

Intergeschlechtliche Personen haben bisher im fast ausschließlich binär organisierten Sport keinen Platz. Wettkampfklassen werden meist nur in die Kategorien Männer und Frauen eingeteilt. Die geschlechtlichen Realitäten sind aber diverser. Der Sport muss sich dieser Herausforderung stellen und Lösungen finden, die gleichzeitig inklusiv und fair sind.

Sportpolitik ist auch Fan-Politik. Die zunehmend diverse und antirassistische (Fußball-)Fankultur, insbesondere die queeren Fanclubs und deren Dachverbände sowie bundesweite Initiativen wie die „Fußballfans gegen Homophobie“ müssen noch stärker unterstützt und sichtbarer gemacht werden.

Ziel muss die Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit für alle Menschen in den Vereinen und Verbänden sein, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder sexueller Orientierung oder geschlechtlicher-Identität. Sport muss in seiner ganzen großen Vielfalt möglich sein – in Städten, aber auch im ländlichen Raum.

Wir setzten uns für mehr LSBTIQ*-Sichtbarkeit im Sport ein: Lesben, Schwule und Bisexuelle, trans, inter und queere Menschen als Sportler*innen, Trainer*innen, Funktionär*innen und vor allem als Vorbilder wahrzunehmen.

Die Social Media Kampagne #SportPride2020 im Juli 2020 hat ein deutliches Zeichen für LSBTIQ* im Sport gesetzt. Das ist wichtig, denn weltweit – auch in Deutschland – sind wir von einem diskriminierungsfreien und inklusiven Sport weit entfernt.

Daher fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft Sportpolitik von Bündnis 90/Die Grünen:

1. Sensibilisierung der Sportverbände und-vereine:

Wir Grüne fordern von allen Sportverbänden und -vereinen neben dem klaren Bekenntnis gegen Rassismus und Antisemitismus, ein Bekenntnis gegen jede Form von Gewalt, gegen Sexismus sowie Strategien gegen LSBTIQ*-Feindlichkeit.

Die vielfältige Gesellschaft muss sich auch im Sport wiederfinden und hier soll es für alle die besten Bedingungen geben und ein demokratischer und respektvoller Umgang

selbstverständlich sein. Wir fordern Aus- und Weiterbildungen bzw. strategische Personalentwicklung durch die Sportverbände und -Organisationen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit, Demokratie, Inklusion, Vielfaltsmanagement bis hin zu besonderen Angeboten für Vereine und Verbände zum Thema LSBTIQ* für Funktionär*innen, Trainer*innen und alle am Sport beteiligten Personen.

2. Wir fordern Maßnahmen zur Anerkennung und gleichberechtigten Teilhabe aller Geschlechter und sexueller Orientierungen im Sport, sowie aktive Maßnahmen gegen LSBTIQ* -Feindlichkeit imSport:

  • Schaffung von Regelungen zur Integration von trans- und intergeschlechtlichen Personen in den Spielbetrieb aller Sportverbände nach Vorbild des Berliner Fußball- Verbands. Der Berliner Fußball-Verband hat hierzu im November 2019 mit Antrag Nr.

53 eine wegweisende Regelung geschaffen. Menschen mit dem Personenstandseintrag „divers“ wird nun die Entscheidung überlassen, ob die Spielberechtigung für die Frauen- bzw. Mädchenteams oder die Herren- und Jungenteams erteilt werden soll. Der Antrag Nr. 53 ist auch ein großer Schritt für transgeschlechtliche Personen.

Ihre Spielberechtigung bleibt auch während ärztlich begleiteter geschlechtsangleichender Maßnahmen bestehen. Die Person erhält auf Antrag während dieser Zeit die Spielberechtigung für ein Team desjenigen Geschlechts, in dem sie bislang noch nicht gespielt hat und dessen Angleichung angestrebt wird. Die Entscheidung des Berliner Fußball-Verbands ist richtungsweisend und ein Signal an oft konservative Sportstrukturen.

Erstmals führte ein Sportverband eine progressive Regelung mit Vorbildcharakter ein, die Sicherheit für trans- und intergeschlechtlichen Menschen und auch Verbände selbst schafft. Weitere Sportverbände sollten sich ein Beispiel an der Berliner Lösung nehmen

  • Aufnahme von Antidiskriminierungsparagraphen in Vereins- und Verbandssatzungen sowie Stadionordnungen, die auch explizit gegen LSBTIQ*-Feindlichkeit gerichtet sind
  • Stärkung der Antidiskriminierungsarbeit innerhalb der Sportorganisationen, Aufbau von Anti-Diskriminierungs-Beratungsstellen in den Sportverbänden, die LSBTIQ*- Personen beim Coming-out unterstützen und unter Rückgriff auf externe Expert*innen Diversity-Konzepte in den Sportverbänden umsetzen
  • Wir fordern die aktive Einbindung von LSBTIQ*-Personen in bspw. Sportvereinen, Sportverbänden, Kooperationspartner*innen und für den Sport wichtige Institutionen
  • Wir fordern eine stärkere Betonung von Strategien gegen LSBTIQ*-Feindlichkeit in der sozialpädagogischen Fanprojektarbeit im Rahmen des NKSS (Nationale Konzept Sport und Sicherheit)

3. Aktiver Austausch mit Verbänden undVereinen

Wir streben einen aktiven Austausch mit Verbänden und Vereinen an, die sich für die Unterstützung und Förderung von LSBTIQ*-Personen im Sport einsetzen. So wichtig Social Media Kampagnen wie #SportPride2020 und Gay Games sind, die Strukturen und Kampagnen müssen auch den Breitensport im ländlichen Raum erreichen.

Die Angebote und die inhaltliche wie strukturelle Unterstützung des DOSB und der deutschen Sport Jugend (dsj) sollte flächendeckend genutzt werden, um auch LSBTIQ*- feindliche Beleidigungen und Gewalt zu verhindern und präventiv noch stärker tätig zu werden.

Die Belange und Themen von queeren Kindern und Jugendlichen und deren Eltern müssen im Sport stärker thematisiert und besser berücksichtigt werden.

Dazu sind zunächst die Schaffung besonderer Sportangebote mit den nötigen Schutzräumen für queere Kinder und Jugendliche, welche ggf. im Übergang sind und finanziell abgesicherte Fortbildungen für alle Vereine und Verbände zum Thema

„Sensibilisierung für Jugend-Trainer*innen mit LGBTIQ*“ notwendig.

Die Auseinandersetzung von Vereinen, Verbänden und allen aktiven Funktions- und Verantwortungsträger*innen mit dem Thema LSBTIQ*-Feindlichkeit muss so selbstverständlich sein, wie die lange geforderte Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit und Sexismus im Sport.

4. Evaluierung undFortentwicklung

  • fortlaufende Evaluierung der Maßnahmen gegen LSBTIQ*-Feindlichkeit im Sport durch Vereine und Verbände
  • Durchführung einer internationalen Konferenz, z.B. begleitend zu Sportgroßveranstaltungen, wie bspw. der Fußball-Europameisterschaft der Männer 2024, zum Thema LSBTIQ*-Feindlichkeit und Diskriminierung im Sport
  • Unterstützung und angemessene Berücksichtigung von queeren Fragestellungen in wissenschaftlichen Studien, Förderung interdisziplinärer Studien zu LSBTIQ*- Feindlichkeit und Diskriminierung im Sport

Autor*innen:

Angela Fechner (KV Hamburg)
Andreas Tesche (KV Rostock)
Natascha Kauder (KV Frankfurt)

Literatur:

  • „Coming out – und dann..?!“ Bundesweite Studie über Diskriminierungserfahrungen von lesbisch, schwuler, bisexueller und trans* Jugendlicher und jungen Erwachsenen in Deutschland. Krell & Oldemeier 2017, Verlag Budrich GmbH, Opladen.
  • Sporthochschule Köln (DSHS), diverse Studien, z.B. „OutSport“ 2018, siehe Homepage
  • 8. Fachtag „Vereine stark machen – für Vielfalt im Fußball“, LSVD Berlin-Brandenburg 11.2018, online auf der LSVD Homepage