In diesem Positionspapier sprechen wir ausdrücklich vom Vereinssport. Uns ist bewusst, dass der Sport
Deutschland vielfältig organisiert ist – staatlich in Schulen und Hochschulen, kommerziell durch Anbieter wie Fitnessstudios, oder informell im selbstorganisierten Rahmen. Alle diese Felder sind wichtig und verdienen Aufmerksamkeit.
Im Mittelpunkt dieses Papiers steht jedoch der Schutz des vereinsorganisierten Sports, da er mit seinen Millionen Mitgliedern, seiner ehrenamtlichen Basis und seiner starken gesellschaftlichen Verwurzelung besonders anfällig für Einflussnahmen ist – und zugleich besonders wirksam als Schule der Demokratie.
Rechtsextreme Kräfte versuchen, ihre menschenfeindlichen Ansichten in der Gesellschaft zu verbreiten – und haben damit, wie unter anderem die zunehmende Zustimmung zur AfD zeigt, bereits spürbare Erfolge erzielt. Wir verzichten in diesem Papier bewusst auf den Begriff des ‚Rechtspopulismus‘. Dieser verharmlost, dass es sich aktuell um rechtsextreme, verfassungsfeindliche Tendenzen handelt, die unter dem Deckmantel vermeintlicher Populismen auftreten. Im Sport manifestieren sich diese Tendenzen in Form von Ideologien, die gezielt auf bestimmte Menschengruppen abzielen und demokratische Grundwerte untergraben. Es ist daher notwendig, die Dinge klar zu benennen: Es geht um Rechtsextremismus – und um den entschiedenen Schutz unserer demokratischen Strukturen im Sport.
Der Vereinssport ist immer schon ein Querschnitt der Gesellschaft gewesen und soll es auch bleiben. Vereine fördern die Gemeinschaft, bilden Vielfalt ab und funktionieren primär durch sehr starkes ehrenamtliches Engagement. Um einen Querschnitt der Gesellschaft darstellen zu können, ist und bleibt es wichtig, unterschiedliche, auch widerstreitende Meinungen in Vereinen abzubilden, auszuhalten und zu diskutieren.
Das heißt aber auch, die Grenzen zu definieren und zu verteidigen, wo ein Meinungsbeitrag oder
Grundeinstellungen in menschenverachtende, und vor allem verfassungsfeindliche Positionen abdriften. Diese können und dürfen auch in unseren Sportvereinen keinen Platz haben!
„Kein Platz für Rassismus“ darf nicht nur ein Bekenntnis sein, es muss auch aktiv gelebt werden.
Die Neue Rechte versucht aber eben jene rassistischen, menschenfeindlichen, chauvinistischen
Ideologiefragmente langsam zu normalisieren. Dabei verhilft es den Akteurinnen zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz, wenn sie nicht nur von der sprichwörtlichen Außenlinie in das Geschehen einzugreifen versuchen, sondern wenn sie dabei mit auf dem Platz stehen. Die Neue Rechte als („intellektueller“) Versuch, den Rechtsextremismus zu modernisieren, tritt inzwischen auch gemäßigt auf, sie gibt sich bürgerlich, engagiert, mitfühlend, kümmernd, bedacht. Durch sportliches wie ehrenamtliches Engagement in den Vereinen versuchen Akteurinnen der Neuen Rechten als die Guten, die Engagierten und die Helfenden gesehen zu werden. Dabei muss klar sein: Egal wieviel Engagement eine Person zeigt, das menschverachtende Weltbild bleibt!
Bei allen Herausforderungen, vor denen der Sport und die Sportvereine stehen, Ehrenamt, FSJ, Altersstruktur usw., darf nicht zugelassen werden, dass radikal Rechte, menschenfeindliche Positionen über den Vereinssports normalisiert werden. Die Geschichte sollte uns eine eindringliche Warnung sein: Von der Diskriminierung, Ausgrenzung und tödlichen Verfolgung jüdischer Sportlerinnen und Sportler zu Beginn des 20. Jahrhunderts, über die 1980er Jahre, als in Stadien erneut Hitlergrüße und „Sieg Heil“-Rufe zu hören waren, bis hin zur Gegenwart, in der rechter Kampfsport auf einen vermeintlichen „Tag X“ vorbereitet – all das zeigt, wohin Hass und Menschenfeindlichkeit führen können.
Der Vereinssport darf kein Katalysator der Rechten werden, im Gegenteil. Vereinssport ist eine wichtige Schule der Demokratie: Sport sei, so der österreichische Journalist Wolfgang Weisgram, „der kleine Bruder der Demokratie. Ein jüngerer, etwas verschrobener, jedenfalls verspielter und zuweilen ordentlich über die Stränge schlagender Bruder“ aber, „beide spielen nach denselben Regeln.“ Die Vermittlung von Fairness und Respekt, Teamplay und Rücksichtnahme, aber auch Wettbewerb, der Kampf um Millimeter, Sekunden, die größere Zahl auf der Anzeigentafel und nicht zuletzt die Sozialisation im Verein und in Verbänden.
(Vereins-)Sport ist Schule, ist Partner im Kampf für eine wehrhafte Demokratie! Wir müssen uns rechten
Ideologien mit aller Entschlossenheit entgegenstellen, die demokratischen Brandmauern verteidigen und
unsere Vereine schon jetzt vor einer potenziellen Unterwanderung schützen!
Wir wissen, dass sich in vielen Vereinen und Verbänden bereits zahlreiche Engagierte klar gegen
Rechtsextremismus und für unsere Demokratie positionieren. Diese Stimmen brauchen Rückenwind. Es gilt, diese Alliierten zu stärken, ihnen Anerkennung und Unterstützung zukommen zu lassen – gerade dort, wo sie massiven Anfeindungen ausgesetzt sind. Demokratiearbeit im Sport darf nicht isoliert bleiben, sondern muss aktiv gestützt und geschützt werden. Das gilt insbesondere auch im Hinblick auf die Kinderrechte: Kinder und Jugendliche haben das Recht auf Schutz vor Diskriminierung, auf Beteiligung und auf eine gewaltfreie, demokratische Umgebung. Sportvereine tragen daher eine besondere Verantwortung, diese Rechte zu achten und ihre Umsetzung sichtbar zu machen.
Weil der Kampf gegen rechte Vereinnahmung nicht nur eine Frage der wehrhaften Einstellung ist, sondern
auch ein ganz praktischer sein kann, gilt es sich der möglichen Instrumente bereits im Vorfeld bewusst zu
sein. Das schärfste Schwert eines jeden Vereins ist dessen Satzung. Und an dieser kann angesetzt werden. Viele Vereine führen schon jetzt in ihrer Satzung einen Paragraphen in welchem sie sich offiziell als
überkonfessionell und/oder unpolitisch bzw. neutral positionieren.
Dabei gilt aber: Anders als bei Fragen des Glaubens kann und darf es keine Neutralität gegenüber unserem Grundgesetz geben, keine Neutralität gegenüber den Feinden unserer Verfassung (Hilfreiche Infos finden sich auf der Seite der dsj.de).
So richtig es ist, sich als Sportverein parteipolitisch neutral aufzustellen, so falsch wäre es, bei der Frage nach der Wehrhaftigkeit der Demokratie an der Seitenlinie zu stehen. Hier gehört, ohne die Vereine politisieren zu wollen, das klare Bekenntnis zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung mitten auf den Platz, auf die Matte, in die Halle, ins Vereinsheim und in den Mannschaftsbus.
Mit diesem Selbstverständnis, das wir als Bundesarbeitsgemeinschaft Sportpolitik von Bündnis 90/ Die Grünen unterstützen, schützen sich die Vereine davor, von Rechtsaußen missbraucht zu werden. Dazu ist eine Satzungsänderung, welche rassistische und weitere menschenfeindliche Positionen ausschließt ein gut gangbarer Weg. Denn über solche Satzungen können alle Vereinsmitglieder ein gutes Rüstzeug und Rückenwind für vereinsinterne Debatten bekommen und Menschen, welche durch menschenverachtende Positionen auffallen, in letzter Konsequenz auch aus dem Verein ausgeschlossen werden. Ein Verein sollte immer ein Ort für alle sein – nicht aber für Verfassungsfeinde. Niemand darf aufgrund seiner Konfession, Herkunft, Sexualität o.ä. ausgeschlossen werden. Selbstwirksamkeit, Demokratie lernen, Respekt und Resilienz, Integration und Diversität sind und bleiben selbstverständlicher Teil des Breiten- & Spitzensports.
Wir sehen in der Satzungsarbeit ein starkes Instrument, um klare Grenzen zu ziehen. Satzungsänderungen wirken als Top-down-Schutzschild gegen Vereinnahmung. Ebenso wichtig ist jedoch der Bottom-up-Prozess: In partizipativen Leitbildentwicklungen können Mitglieder gemeinsam klären, welcher Verein sie sein wollen. Nur wenn eine breite Mehrheit diese Sensibilisierung mitträgt, entstehen langfristig resiliente Strukturen, die Rechtsextremismus keine Angriffsfläche bieten. Kinder- und Jugendarbeit kann hierbei ein Katalysator sein: Die Aufnahme von Kinderrechten in Leitbilder und Satzungen stärkt das demokratische Fundament und signalisiert klar, dass Sportvereine Orte sind, an denen Vielfalt, Schutz und Beteiligung gelebte Praxis sind.
Ein Beispiel für eine solche Satzungsergänzung:
„Der Verein verhält sich parteipolitisch und konfessionell neutral und steht zur freiheitlich
demokratischen Grundordnung. Er bekennt sich zu den Grundsätzen der Menschenrechte. Er tritt
rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen, sowie diskriminierenden oder
menschenverachtenden Verhaltensweisen, insbesondere aufgrund der Nationalität, Abstammung,
ethnischer Zugehörigkeit, Religion, des Geschlechts, des Alters, der sexuellen Identität oder einer
Behinderung aktiv entgegen.“
Wir nehmen zur Kenntnis, dass rechtsextreme und populistische Positionen nicht nur in Deutschland, sondern auch europa- und weltweit wachsende Zustimmung erfahren. Diese globale Entwicklung macht es erforderlich, aufmerksam zu bleiben. Zugleich wissen wir, dass die konkreten Bedarfe in den Regionen
Deutschlands sehr unterschiedlich sind. Das Grundproblem ist gleich – die Voraussetzungen vor Ort sind es nicht. Eine wirksame Prävention und Unterstützung muss daher regional differenziert ansetzen. Kinder- und Jugendsport braucht dabei besondere Aufmerksamkeit: Kinderrechte verpflichten uns, diskriminierungsfreie Räume zu schaffen und jungen Menschen die Erfahrung zu ermöglichen, dass Demokratie auch im Alltag des Sports gelebt wird.
Verantwortung tragen muss aber auch das Umfeld der Vereine. Schließlich sind Vereine immer auch Teil einer gesamten Öffentlichkeit und vielfältig eng mit der Öffentlichkeit verwoben, mit Fördermittelgebenden und Unterstützungsnetzwerken verbunden und professionell organisiert.
Unsere Haltung gründet sich auf den universellen Menschenrechten und den verbindlichen Kinderrechten. Diese bilden die Richtschnur für das Handeln im Sport. Sportvereine sind nicht nur Orte des Spiels und der Bewegung, sondern auch Schutzräume, in denen Kinder und Jugendliche erleben müssen, dass ihre Rechte geachtet und verteidigt werden. Wer Menschen- und Kinderrechte verletzt oder relativiert, stellt sich außerhalb der Wertegemeinschaft, die Sportvereine tragen und vertreten.
Seitens der Politik, der Verbandsstrukturen, Sponsorennetzwerken etc. kommt auch diesen der Auftrag zu, in den Vereinen wortwörtlich nach den Rechten zu sehen, um so ausschließen zu können, dass rechtsextreme Netzwerke aus ihren Mitteln finanziert werden. Diese klare Haltung dann auch öffentlich zu kommunizieren, ist dabei von großer Bedeutung.
Dabei bleibt die beschriebene Problematik, dass eine solche Einmischung rechtsextremer Akteur*innen oft
recht unauffällig passiert. Deshalb ist eine Möglichkeit zur Überprüfung und ggf. Ablehnung von privaten
demokratiefeindlichen Sponsorengeldern dringend erforderlich, umso eine dadurch entstehende Abhängigkeit zu unterbinden. Eine Information an die jeweilige Verbandsstruktur durch den Vereinsvorstand kann dazu beitragen auch andere Vereine vor möglicher rechter Einflussnahme zu schützen. Die Positionierung wie die des Landessportbundes Niedersachsen zum „Umgang mit antidemokratischen, populistischen und extremistischen Parteien, Gruppierungen, und Akteurinnen und Akteuren“ vom 21.02.2024 unterstützen wir ausdrücklich. (https://www.lsbniedersachsen.de/fileadmin/user_upload/M%C3%A4rz_2024_LSB_SJ_Positionierung_zu_antidemokratischen_Gruppierungen.pdf)
Auch die Menschenrechtspolicy des DOSB und der dsj aus November 2023 (https://cdn.dosb.de/user_upload/www.dosb.de/uber_uns/Menschenrechte/DOSB
23004_Menschenrechts_Policy_WEB.pdf)), sowie die Projekte des DFB (https://www.dfb.de/gegenrassismus) und weiterer Verbände unterstützen wir ausdrücklich. Wir fordern die Verbandsstrukturen dazu auf, die Positionen noch deutlicher zu vertreten, noch verstärkter in die Vereine zu tragen, und noch konsequenter hinzusehen, zu handeln und im Zweifel auch zu sanktionieren.
Wir bestärken alle Verbände darin, die jeweils beschlossenen Maßnahmen noch stärker in die Breite bzw. in die Vereine zu tragen. Hier gilt es, auf allen Ebenen eng und intensiv zusammenzuarbeiten und bei
Auffälligkeiten sofort Konsequenzen zu ziehen.
Insgesamt bleibt eines klar: Wir müssen alle gemeinsam darauf achten, dass Sport-(Vereine) nicht von
Rechtsextremen unterwandert oder beeinflusst werden, um über diese hoch anerkannten, bestens vernetzten und integrativ wirkenden Strukturen in die Breite der Gesellschaft vorzudringen.
Menschenhass gehört in das Abseits gestellt, jederzeit, unmissverständlich und konsequent!
Hierfür müssen wir alle frühzeitig warnen, aufklären und vorbereiten. Wir handeln gemeinsam für Vielfalt und Toleranz, damit unser Sport weiter als Schule der Demokratie, als Motor der Integration und als Ort von Vielfalt funktioniert und offen für alle bleibt!
Basis für dieses Positionspapier ist das Positionspapier der LAG Sport Niedersachsen um Koordinator David Windisch. Dort beschlossen 24.10.2024. Überarbeitet und angepasst durch David Windisch, Britta Kamp, Behzad Borhani, Jan Keil und Anna Crumbach.
In der Sitzung der BAG Sportpolitik eingebracht und beschlossen am 09.11.2025.
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